UND WIE MACHST DU DAS, ULMA? EIN MUTTERFRAGEBOGEN


Wie gerne ich Ulma und ihr Blog "Mme. Ulma" mag. Deshalb freue ich mich heute sehr, dass sie sich die Zeit genommen hat, meinen Mutterfragebogen auszufüllen. Danke dafür!

Name: Ulrike
Alter: 36
Mutter von: Jana (16) und Emil (2 1/2)
Stadt: Graz, Österreich

Wie ist bei dir die Kinderbetreuung organisiert?
Fernab lebend von aller Verwandtschaft und damit jenen Menschen, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit als Unterstützer/innen mit Blick auf die Kinderbetreuung auftreten könnten, bin ich froh-dankbar, dass Emil seine Vormittage schon seit letztem Herbst in einer Kinderkrippe gleich hier um die Ecke verbringen darf; mehr noch, zumal es sich um die für uns allerbeste denkbare Krippe überhaupt handelt. So einverstanden bin ich mit dem pädagogischen Konzept; so sympathisch sind mir die Menschen, in deren Hände ich mein freudestrahlendes Kind Morgen für Morgen gebe. Zufrieden bin ich, oh ja, viel mehr als das.

Unter welchen Bedingungen arbeitest du? Wie funktioniert das für dich?
Ich habe das große Glück, für mich einen Weg aus der klassischen Erwerbstätigkeit heraus in einen sehr freien Raum des Arbeitens gefunden zu haben. So habe ich mir ein Potpourri an mir Freude bringenden Tätigkeiten zusammengebastelt, die mir darüber hinaus das ermöglichen, was mir in beruflicher Hinsicht das Wichtigste ist: Selbstbestimmung. Einerseits bin ich im Network-Marketing für ein österreichisches Bio-Unternehmen tätig, dessen umfassend nachhaltige Philosophie und geniale Produkte mich einfach begeistern und die in die Welt zu tragen sich so richtig anfühlt. Diese Sache ist mir wie ein völlig unerwartetes Geschenk zugefallen, ohne dass ich bewusst danach gesucht hätte (und beinahe hätte die Skeptikerin in mir es nicht als solches erkannt); mittlerweile hat sie sich zu meinem wichtigsten Standbein entwickelt, das es mir ermöglicht, mit meinem Spielbein nach Lust und Laune durch die Luft zu wirbeln. Und so kann ich – andererseits – ohne den Druck des Davon-leben-können-Müssens meiner künstlerischen Arbeit nachgehen; die umfasst in erster Linie eigene Projekte und Auftragsarbeiten vorwiegend im illustratorischen Bereich. Getragen von dieser Freiheit ist auch meine dritte berufliche Tätigkeit als Yogalehrerin. Wie viele Kurse ich anbiete, richtet sich allein nach dem Prinzip des guten Bauchgefühls. So bleibt auch genügend Zeit für all die anderen Dinge, die mir wichtig sind, ohne jeden Zusammenhang mit der Lebensunterhaltbestreiterei. Nicht nur nebenher, sondern als fundierende Süße des Alltags, die diesen reich und wertvoll macht für mich; welch wundervolles Privileg! Und es fühlt sich ganz formidabel an.

Wieviel Zeit hast du für dich – jenseits deiner beruflichen und familiären Aufgaben? 
Reicht sie dir?
Ich empfinde es für meinen Fall als sehr schwierig, diese Bereiche voneinander zu trennen und ihnen quantitativ klar umrissene Zeitsegmente zuzuordnen. So sehr ich mich immer wieder herausgefordert fühle, eine Außenwahrnehmung, die dem froh machenden Tun den Nimbus des Hobbyhaften überstülpen möchte, aus ihrem sozialisierten Konformismus herauszuhalten, so leicht tappe ich in dieselbe Falle und rede meine Arbeit allzu unbedacht klein. Aber da meine Familie auch ich selbst bin und ich – beruflich – das, was ich mache, einfach gerne mache und es auch machen würde, wenn ich damit nichts verdienen würde, lässt sich eine "Zeit für mich" abseits all dessen nur schwer definieren. Was aber immer zu kurz zu kommen droht, das ist die Ruhe, die Entspannung, das Dolcefarniente. Da habe ich noch einiges zu lernen, denn die Zeit ist da, nur das mit dem Sie-immer-wieder-einmal-auch-dafür-Verwenden will nicht so recht gelingen.

Wie sieht ein ganz normaler Wochentag bei dir aus?
Die Tage sind so unterschiedlich und es ist genau dieser Spielraum, den ich so sehr an ihnen genieße, der mich so frohgemut stimmt. Wollte ich eine fundierende Grundstruktur aus ihnen herausschälen, so sähe sie wohl in etwa so aus:

Morgens wecken mich die nachtkalten Füßchen meines Sohnes, die sich unter meine Bettdecke graben, und langsam beginnen wir den Tag, horchen noch ein wenig in die Stille hinein. Mein Freund und meine Tochter sind schon aus dem Haus, wenn wir aufstehen und die Ruhe mit einem Mal verscheucht ist durch ein wild herumsausendes, allerlei Spielsachen herumwirbelndes, mit dem Laufrad Wohnungsrunden drehendes, Wasser durch die Gegend spritzendes und zur Frühstücksschaufelei abenteuerliche Geschichten erfindendes Energiebündelchen. Ich bemühe mich, dass wir bis spätestens neun auf dem Weg zur Kinderkrippe sind. Wenn keine "Businessmeetings" anstehen, wie das so hochtrabend heißt, ist jetzt Zeit für Bewegung: Laufen oder Yoga. Danach ist meine ritualisierte Vormittagstasse Milchkaffee an der Reihe; in der Regel am Computer – auf dem Bildschirm Mails, Blogs, Internetwichtigkeiten überhaupt. Hineingeflochten sind meist irgendwelche Werklereien oder Projekte, an denen ich gerade arbeite.

Zu Mittag hole ich den kleinen Herrn aus der Krippe und es beginnt das übliche Kinderprogramm. Wenn wir Glück haben, sind Papa und Schwester auch mit von der Partie; und manchmal lässt sich auch ein wenig arbeiten nebenher, zumindest am Telefon. Kochen und gemeinsames Abendessen – das ist einer der wenigen sehr konstanten Fixpunkte im Alltagsgeschehen. Und nach dem Zubettbringen von Emil noch lange arbeiten in dieser oder jener Form, vielleicht besser: einfach tun, zeichnen, lesen, nähen, schreiben, recherchieren, nähen, Gedanken spinnen, das auch.

Und wenn uns danach ist, dann machen wir´s ganz anders.

Hast du dir das Muttersein so vorgestellt, wie es ist? Was hast du dir anders vorgestellt?
Ich bin jetzt schon 16 Jahre lang Mutter; um ehrlich zu sein: Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, was ich mir zuvor darunter vorgestellt habe. Vermutlich ist es schwierig, sich vorab insbesondere von belastenden, an die eigenen Grenzen heranführenden Situationen ein realistisches Bild zu zeichnen. Zum Glück vermisst man die aber auch danach ganz schnell wieder. Wenngleich: Ich bin von Emils erstem Lebensjahr, das er, unzufrieden mit der Welt an sich, wie ich mittlerweile vermute, in erster Linie im Brüllmodus verbracht hat, – drastisch formuliert – etwas traumatisiert. Höre ich ein Baby neben mir schreien, ist mein allererster Reflex unvermeidlich ein Oh-nein-bitte-nicht-schon-wieder-Zusammenzucken. Für jene Zeit kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich, mein Freund und Jana uns das Zu-viert-Sein so nicht vorgestellt haben, sondern deutlich ruhiger und entspannter. Jetzt ist es das; und ich weiß es sehr, sehr zu schätzen. Auch Mama von meinem großen Mädchen zu sein, macht mir unheimlich viel Freude. Ich denke, da ist schon ein ganzes Stück von einem emotionalen Ideal, das man sich gedanklich früh zusammenschustert, Wirklichkeit.

Muss ich jetzt mal anführen, dass freilich nicht immer alles eitel Wonne ist? Klar. Aber ich bin eine entschlossene Verfechterin der ganz bewussten Wertschätzung dessen, was gut ist. So einfach ist das.

Was empfindest du als besonders anstrengend?
Unausgeschlafenheit – sowohl auf der einen Seite als auch auf der anderen; die Kombination ist die Krönung des Unlustigen.

Was macht dich besonders glücklich?
Meine Kinder an sich; ihr So-Sein; ihre Verrücktheit; ihre Umarmungen; Emils so wundervolles "Ich lieb´ dich so gern".

Welches Verhältnis hast du zum Vater deiner Kinder? Wie haben die Kinder dieses Verhältnis verändert?
Ach, ich liebe den und manchmal könnte ich ihn zum Mond schießen; zweiteres seltener, wenn die – insbesondere eltern- und haushaltsspezifischen – Verantwortlichkeiten gut ausverhandelt sind, häufiger, wenn sich da ein Ungleichgewicht einschleicht (sonderbarerweise tut es das immer nur zu meinen Ungunsten…). Wir brauchen beide sehr viel Freiheit. Da haben Verpflichtungen, von denen es mit Kindern naturgemäß mehr gibt als ohne, oft Konflikte im Schlepptau; andererseits bringen solche Bedürfnisüberschneidungen auch viel gegenseitiges Verstehen. Und auch: Hätten uns unsere Kinder nicht diese feinen Seidenfäden angelegt, die uns mit dem Boden verbinden, würden wir vermutlich beide nur irgendwo herumschwirren, er da, ich dort. Wie gut, dass alles so ist, wie es ist.

Hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft, die Politik, Menschen mit Kindern ausreichend unterstützt? Was müsste deiner Meinung nach besser werden?
Ein weites, weites Feld. Ich sehe zum Beispiel rundherum, dass es nicht selbstverständlich ist, einen Krippenplatz zu haben; und wenn, dann allzu oft in Einrichtungen, die mit den eigenen Vorstellungen so gar nicht zusammengehen wollen. Das erfordert von den Eltern (von den Kindern zum Glück seltener, die sind da zu einem Gutteil scheinbar recht anpassungsfähig) viel Kompromissbereitschaft am völlig falschen Ort.

Das Grundproblem aber sehe ich in einem System, das per se sehr unterschiedliche Erfordernisse mit sich bringende Dinge unter einen Hut bringen will: Die angesichts der babylonisch wuchernden Wohnungspreise, der bizarr hohen Betreuungsplatzkosten usf. zunehmende Notwendigkeit zweier vollverdienender – und das bedeutet in der Regel einen Gutteil ihres Tages mit ihrer Erwerbstätigkeit beschäftigter – Eltern, das heißt, Menschen, die Kinder zur Welt gebracht haben, um ihr Leben mit ihnen zu teilen; ihr Leben, also ihre Zeit! Kurz morgens, kurz abends, Samstag, Sonntag, Feiertag, ein paar Wochen Urlaub im Jahr? Das ist alles, was einem an Lebenszeit mit den Liebsten zugestanden wird? (Ganz abgesehen davon, dass auch das, was man außerdem liebt und wichtig findet, Hobbys ganz banal gesprochen, irgendwo unterkommen sollte. Ihr lieben Alleinerziehenden, ihr seid unglaublich und verdient allen denkbaren Respekt, von dem man nur leider auch nicht leben kann, was schön langsam auch einmal ins Bewusstsein der Geldverteiler(innen) vordringen sollte.)

(Und noch eine Klammer (in Klammern stehen nämlich immer die wirklich wichtigen Sachen): Dass ich genau das nicht möchte, nämlich so so viel Zeit mit der Arbeit verbringen zu müssen, noch dazu genau dann, wenn irgendjemand es mir vorgibt, das ist auch einer der ganz wichtigen Gründe, warum ich so viel von diesem von Freiheit durchwirkten Konzept des Arbeitens halte, das mich da gefunden hat.)

So lange an einem System festzuhalten wird, in dem den Menschen, die, allzu oft ohne mit der Wimper zu zucken, als seine Stützen fungieren, abverlangt wird, dass sie den Großteil ihrer Tageszeit, die sie im Wachzustand verbringen, arbeiten, damit sie ihren Unterhalt bestreiten (bestreiten! – welch genussvolle Vorstellung allein das schon!) können, bleiben alle so genannten "Bemühungen" um die viel gepriesene "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" oder die "Steigerung der Frauenerwerbsquote" euphemistische Augenwischerei. (Das gehörte dann freilich auch in Klammern gesetzt.)

Was hast du durchs Muttersein über dich und die Welt gelernt, das du vorher nicht wusstest?
Wie bedingungslos man lieben kann.

Du hast 48 Stunden kinderfrei. Was tust du?
Luftschlossmäßig: In der Wiese liegen und die Wolken ziehen lassen. Realistischerweise: Dinge erledigen, zu denen ich sonst nicht komme. (Da gibt´s in der Gestaltung noch einiges an Verbesserungspotenzial, ich gestehe.)

Was würdest du einer Frau sagen, die sich fragt, ob sie Mutter werden soll?
Ich finde die Idee so amüsant, dass jemand mir eine solche Fragen stellen könnte! Vermutlich würde ich ziemlich lachen in Anbetracht solcher Skurrilität. Und die Antwort könnte nur eine mäeutische sein, denke ich. Wahrscheinlich: "Was wünschst du dir vom Leben?".

Alle anderen Mutterfragebögen sind hier nachzulesen.
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